(Wieder) Freundschaft mit sich selbst (und anderen) schliessen

Es gibt im Laufe der Schwangerschaft, der Geburt und auch der Zeit mit Baby und Kleinkind immer wieder Situationen, in denen man sich schlecht fühlt. Das Gefühl hat, versagt zu haben. Für mich war einer dieser Momente der auffällige Zuckertest, ich hatte tatsächlich einen Gestationsdiabetes entwickelt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass ich auf diese hormonbedingte Insulinresistenz kaum hätte Einfluss nehmen können. Zum Glück brauchte es nicht viel an Ernährungsumstellung, so dass ich nur messen musste (mich hat das Thema letztendlich so fasziniert, dass ich eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin begonnen habe). Der nächste emotionale Tiefschlag kam für mich, als unsere Tochter am Abend nach der Geburt auf die pädiatrische Intensivstation verlegt wurde. Es war hauptsächlich zur Beobachtung, unter anderem, weil sie für die Schwangerschaftswoche in der sie geboren wurde recht klein war (mit 2370 g und 47cm galt sie als Mangelgeburt). Dazu kamen noch Abfälle in der Sauerstoffsättigung und ein ungeklärtes Muskelzittern, wenn sie geweint hat. Man wollte sicher gehen, dass alles in Ordnung ist. Wir konnte nach einer Woche nach Hausee, wo das nächste Problem auf mich wartete: Problem mit dem Stillen. Ich wollte gern stillen, es lief jedoch alles nicht so wie ich es gehofft hatte und ich musste einige Wochen zufüttern. Das war für mich sehr schwer zu akzeptieren, insbesondere, weil es im Krankenhaus mit dem Stillen recht gut gelaufen war. Ich fühlte mich immer kaputter, innerlich uneins, konnte zu mir selbst keine Verbindung mehr herstellen. Ich dachte, ich würde nichts mehr auf die Reihe bekommen, gefühlt war ich nur mit Baby füttern beschäftigt. Stillen, Flasche geben, wenn noch Hunger signalisiert wurde. Dann Stillhütchen und Flaschen reinigen und sterilisieren, nur um im Anschluss wieder von vorn zu beginnen.

Mir hat eine Übung sehr geholfen, mit mir selbst wieder ins Reine zu kommen, die ich bisher nicht vorgestellt habe. Stück für Stück habe ich mich damit wieder zu mir selbst zurück getastet und konnte die Situation, wie sie war, annehmen. Das ich eine so kraftvolle und hilfreiche Meditationsübung kenne, kam mir erstmal gar nicht in den Sinn.

Ich spreche von Metta, die Liebende Güte. Die Liebende Güte will nicht verändern, sie sieht, was ist und akzeptiert, dass es so ist. Sie schenkt allen Lebewesen Liebe und Wärme. Diese Art der Meditation setzt sich aus mehreren Elementen zusammen. Begonnen wird mit der Zuwendung zu sich selbst. Man kann andere nur dann annehmen, wie sie sind, wenn man sich selbst so annehmen kann, wie man ist. Dann wird Liebende Güte an eine einem wohlwollend gegenüber stehende Person gesendet, im Anschluss an eine neutrale und dann eine Person, für die man Abneigung empfindet. Dadurch, dass man die Übung auf andere Menschen ausweiten kann, ist sie auch ideal, um mit Familienmitgliedern oder anderen Menschen, die uns in irgendeiner Form unter Druck setzen (egal ob absichtlich oder unbewusst). Gerade mit einem Baby keine Seltenheit.

In der Metta-Meditation beginnen wir also damit, uns selbst Liebende Güte zu schenke. Wir schliessen wieder Freundschaft mit uns selbst. Hierfür setzen oder legen wir uns bequem hin. Normalerweise sollte man bei dieser Meditation sitzen, allerdings ist das im Alltag mit Baby nicht immer möglich, daher gibt es auch hier die Option sich hinzulegen. Wichtig ist, dass wir in der Position etwas länger bleiben können, besonders, wenn wir Metta nicht nur an uns, sondern auch an andere senden wollen. Metta geht davon aus, dass alle Lebewesen nach Glück streben und dass wir in diesem Streben alle miteinander vereint sind. Daher wollen wir mit dieser Übung ein offenes und warmes Herz für alle Lebenwesen, einschließlich uns selbst, kultivieren. Unabhängig von unseren persönlichen Gefühlen. Das klingt sehr abstrakt und ist schwer vorzustellen, doch es funktioniert tatsächlich. Wir mögen durch die Meditation jemanden nicht mehr als vorher, aber unser Blick auf diese Person ändert sich und wir gehen innerlich anders mit ihr und den Situationen in denen wir uns begegnen um. Wenn wir also eine angenehme Position gefunden haben, können wir, wenn es uns angenehm ist, die Augen schliessen oder den Blick unfokussiert vor uns fallen lassen. Wir lassen unsere Atem kommen und gehen ohne Einfluss zu nehmen. Wenn es sich richtig anfühlt, beginnen wir uns mit Hilfe von Sätzen, die positive Wünsche formulieren, zunächst uns selbst Liebende Güte zu senden. Dies können allgemeine Formulierungen sein wie: Möge ich glücklich sein. Oder möge ich leicht durch das Leben gehen. Wir können unseren Wunsch auch direkt auf unsere Situation formulieren, z.B. möge ich die Leichtigkeit haben, Veränderungen zu nehmen, wie sie kommen. Oder möge ich die Geduld haben, mein Baby zu trösten, wenn es weint. Wir können uns selbst Metta senden so lange wir das Bedürfnis danach haben. Die Meditation kann auch ausschließlich aus Liebender Güte für einen selbst bestehen.

Wollen wir Liebende Güte an einen Wohltäter, also jemanden, der uns im GUten zugewandt ist, senden, formulieren wir gute Wünsche für ihn. Das könnten Sätze sein, wie „Mögest Du glücklich sein.“ Oder „Mögest Du körperlich gesund sein.“ Wir können formulieren, was sich gut und richtig anfühlt. Wichtig ist, dass es keine oberflächlichen, materiellen (anhaftenden) Wünsche sind, sondern mit dem Verständnis, dass jeder nach Glück strebt, verbunden sind.

Ähnliche Formulierungen können wir auch für eine neutrale Person nehmen. Eine neutrale Person ist jemand, mit dem wir in unserem Alltag zu tun haben, jedoch weder Zu- noch Abneigung empfinden. Das kann einem schwer fallen, denn neutrale Personen nimmt man natürlich nicht so wahr, wie Menschen, die Empfindungen in uns hervor rufen.

Der schwierigste Schritt innerhalb der Metta Meditation ist es Liebende Güte an eine Person zu senden, für die wir Abneigung empfinden oder von der wir Ablehnung erfahren. Es widerstrebt uns zunächst, diesem Menschen Liebende Güte zu senden. Das ist normal. Es rührt daher, dass wir in unseren Gefühlen immer anhaften, festhalten, egal ob es gute oder negative Gefühle sind. Wir können jedoch lernen, diese Gefühle los zu lassen, sie als Ballast zu erkennen und ziehen zu lassen. Hierfür ist die Liebende Güte Meditation ebenfalls ideal. Wir können dabei Sätze verwenden, wie auch für unsren Wohltäter oder die neutrale Person. Wenn wir anfangs Widerstand verspüren, nehmen wir diesen wahr, bewerten ihn jedoch nicht. Genauso wenig machen wir uns selbst Vorwürfe. Wir akzeptieren, dass es so ist. Es ist nicht leicht, sein Herz (wieder) zu öffnen und es kann einige Zeit dauern, bis dieser Abschnitt machbar ist. Das ist vollkommen in Ordnung. Wie alles im Leben braucht es Zeit und Übung. Jedoch hilft uns allein das regelmäßige Üben unser Herz zu öffnen und vor allem Akzeptanz zu lernen. Und weil dieser Schritt der schwierigste ist, können wir uns Zeit lassen damit. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus möchte ich jedem diesen Abschnitt der Meditation ans Herz legen. Akzeptanz zu lernen, Geduld zu üben und in der Lage zu sein negative Empfindungen, egal von wem hervor gerufen, ziehen zu lassen, erleichtert den Alltag sehr.

Die Liebende Güte lässt sich zusätzlich gut mit anderen Meditationsformen verbinden. Zum Beispiel können wir aus einem Spaziergang eine Gehmeditation machen und dabei jedem Menschen, dem wir begegnen Liebende Güte senden. Auch können wir uns in Liebender Güte unserem Körper bei einem Body Scan zuwenden. Dabei können wir unseren Körperteilen jeweils Glück wünschen, z.b. „Mögen meine Füße glücklich sein. Möge die Arbeit, die sie für meinen Körper tun, erfüllen und glücklich machen.“ Diesen oder einen ähnlichen Satz können wir senden, während wir beim Body Scan stückweise unseren Körper betrachten. Im ersten Moment kann sich dies merkwürdig anfühlen. Das ist in Ordnung. Wir sind es heute nicht mehr gewohnt, uns aufmerksam und vor allem liebevoll, unserem Körper zu zuwenden. Doch besonders nach einer Schwangerschaft und der Geburt leidet unser Körpergefühl. Unser Körper hat sich verändert, unsere Seele ebenfalls. Den Body Scan mit Liebender Güte zu verbinden, kann uns dabei helfen, uns in unserem Köper wieder wohl zu fühlen und Körper und Seele wieder zu verbinden.

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